Einen schlechten Therapeuten erkennen Wie man gute und schlechte Therapeuten unterscheiden kann

Ein schlechter Therapeut bei der Arbeit

Psychotherapie ist Vertrauenssache. Doch wie soll man einem Therapeuten, den man kaum kennt, vertrauen? Wir erklären woran man einen guten Therapeuten erkennt und wann Vorsicht geboten ist. 

Lesedauer 10 Min.
Schwerpunkt Behandlung
Psychische Erkrankungen

Als Laie fällt es schwer, die Arbeit eines Psychotherapeuten objektiv zu beurteilen. In den meisten Fällen beruht die eigene Einschätzung lediglich auf wenigen Wahrnehmungen:

  • Die gemeinsame Gesprächsbasis
    Dazu zählt etwa, ob der Gesprächspartner sympathisch, vertrauenerweckend oder einfühlsam ist.
  • Das Gefühl der Erleichterung
    Wenn es Ihnen nach einer Therapiesitzung besser geht, funktioniert die Therapie scheinbar.
  • Sinnvolle und hilfreiche Ratschläge
    Wenn die Gespräche sinnvoll und hilfreich empfunden werden, geht man von einem guten Therapeuten aus.

Diese Beobachtungen sind durchaus wichtig und richtig: Eine gute Gesprächsbasis ist ein entscheidender Faktor einer funktionierenden Therapie. Ein einfühlsames Wesen ist eine wichtige Eigenschaft für einen Therapeuten und sinnvolle Gespräche sind Grundlage für eine gute Behandlung.

Die Therapie soll das Gefühl von Halt und Sicherheit geben – dementsprechend ist Sympathie auf beiden Seiten notwendig. Nur mit dem nötigen Vertrauen ist es möglich, belastende und intime Inhalte anzusprechen und einen Veränderungsprozess in Gang zu setzen.

Allerdings ist das nicht alles. Ein Psychotherapeut kann sympathisch sein und trotzdem schlechte Arbeit leisten. Die Therapie kann als hilfreich empfunden werden, ohne eine Lösung näherzubringen, und auch Ratschläge können sinnvoll erscheinen und trotzdem nicht weiterhelfen.

Wie erkennt man nun also einen „schlechten“ Therapeuten?

Kennzeichen eines schlechten Therapeuten

Ohne den jeweiligen Psychotherapeuten genau zu kennen, ist eine faire, objektive Beurteilung natürlich schwierig. Es gibt allerdings bestimmte Verhaltensweisen, die Sie stutzig machen sollten.

Vorsicht ist geboten, wenn Sie folgende Dinge beobachten:

  • Es werden keine klaren Grenzen gesetzt. Beispielsweise, wenn der Psychotherapeut zu jeder Uhrzeit erreichbar ist oder regelmäßig über WhatsApp oder Facebook kommuniziert.
  • Er vergisst bereits besprochener Inhalte.
  • Sie haben das Gefühl, dass Ihnen nicht aufmerksam zugehört wird.
  • Der Psychotherapeut spricht über sich selbst bzw. seine persönlichen Angelegenheiten.
  • Das führen von Smalltalk während der Therapiesitzung.
  • Das Versprechen, alles würde gut werden.
  • Das Angebot, immer für einen da zu sein.
  • Der Therapeut vermittelt Ihnen das Gefühl, Sie nicht ernst zu nehmen oder den Schilderungen keinen Glauben zu schenken.
  • Das Wecken unrealistischer Hoffnungen oder Erwartungen.
  • Urteilende oder bewertende Aussagen gegenüber Ihrer Person oder Ihren Handlungen.
  • Frustration bezüglich Ihrer Situation.
  • Das Drängen auf eine Erkenntnis oder Handlung.
  • Unzureichende Aufklärung über die Verschwiegenheitspflicht und deren Ausnahmen.

Verliebtheit und Sex

Es kann passieren, dass man sich in seinen Therapeuten oder Therapeutin verliebt. Eigentlich ist das verständlich: Es herrscht eine vertrauensvolle Atmosphäre, der Gesprächspartner ist einfühlsam und zeigt Interesse an den persönlichen Problemen. Der Gedanke an Intimität oder sexueller Annäherung mag nahe liegen. Es ist dann die Verantwortung des Therapeuten, richtig zu reagieren.

Beachten Sie daher folgende Grundregeln:

  • Sexuelle Kontakte sind tabu und zu keiner Zeit gerechtfertigt.
  • Die Verantwortung trägt immer der Therapeut, selbst wenn es eindeutige Signale des Klienten gab.
  • Bereits zu enger Kontakt außerhalb der Therapie ist eine Grenzüberschreitung. Dazu zählen alle (auch telefonische) Kontakte die nicht direkt mit der Therapie zu tun haben. Zum Beispiel persönliche Einladungen oder regelmäßige Kontaktaufnahme via SMS, WhatsApp, E-Mail, Briefe, etc.
  • Flirten innerhalb oder außerhalb der Therapiesitzung ist nicht OK.
  • Bei manchen Therapieformen kann es zu Körperkontakt kommen. Dieser darf niemals sexuell motiviert sein und sollte ausschließlich als therapeutisches Mittel eingesetzt werden.

Als Klient sind Sie niemals Täter. Selbst wenn die Initiative von Ihnen ausgeht oder Sie Annäherungsversuche unternehmen obliegt die Verantwortung beim Therapeuten oder der Therapeutin.

Sexuelle Kontakte und Grenzüberschreitungen sind keine „Kleinigkeiten“. Selbst wenn Sie sich die Annäherung gewünscht haben, sollte die Therapie umgehend abgebrochen werden. Sexueller Kontakt ist immer eine grobe Verletzung der therapeutischen Sorgfaltspflicht und sollte gemeldet werden. Eine entsprechende Meldung kann an die zuständige Psychotherapeutenkammer bzw. den Psychotherapeutenverband, die Ärztekammer oder die Krankenkasse erfolgen.

Beachten Sie folgende Verhaltensweisen, die auf eine Grenzüberschreitung hinweisen können:

  • Häufiges Reden über sexuelle Erfahrungen oder Interessen, ohne erkennbaren Zusammenhang mit der Therapie.
  • Flirten oder zweideutige Andeutungen.
  • Häufiges Trösten mit Körperkontakt.
  • Unbegründete Berührungen.
  • Suche nach persönlichem Kontakt außerhalb der Therapiesitzungen.
  • Einladungen zu privaten Treffen.
  • Drängen auf Alkoholkonsum, etwa bei zufälligen Treffen.
  • Häufige Terminvergabe am Abend, um die Therapiesitzung in ein privates Treffen überzuleiten.
  • Komplimente über Ihr gutes Aussehen.
  • Bitten um kleine Gefälligkeiten außerhalb der Therapie.

Auch wenn Sie sich freiwillig auf eine sexuelle Beziehung einlassen handelt es sich um einen Missbrauch des Behandlungsverhältnisses. In Deutschland ist dies strafbar, in Österreich unter bestimmten Umständen.

Behandlungsfehler

Behandlungsfehler sind eine heikle Angelegenheit. Die rechtliche Beurteilung ist schwierig und Schuldzuweisungen nicht immer angebracht. Tatsache ist aber, dass eine „schlechte“ Psychotherapie nicht nur unwirksam ist, sondern auch negative Folgen haben kann. Zum Beispiel:

  • Verschlechterung der Symptomatik durch zu aggressive provokative Techniken.
  • Schwerwiegende Entscheidungen, die durch Beeinflussung des Therapeuten getroffen wurden. Beispiele wären etwa eine Scheidung, Trennung, Berufswechsel, Wohnortwechsel, usw.
  • Aufbrechen belastender Erlebnisse ohne adäquate Nachbetreuung.
  • Aktivierung lang zurückliegender Traumata.
  • Überschreiten von persönlichen Grenzen, etwa durch Gruppenzwang im Rahmen von Gruppentherapien.

Therapie ohne adäquate Ausbildung

Psychotherapie ist eine verantwortungsvolle Tätigkeit, die nur von dazu ausgebildeten Spezialisten vorgenommen werden sollte. In diesem Sinne wird ausdrücklich vor alternativen Behandlungsmethoden gewarnt:

  • Schamanismus
  • „Psychoseminare“ ohne anerkanntes psychotherapeutisches Konzept
  • selbsternannte Heiler und Energetiker
  • Esoterik und alternativmedizinische Heilmethoden

Wenn Sie nicht sicher sind, ob ein Angebot vertrauenswürdig ist, sollte von einer Behandlung Abstand genommen werden. Beachten Sie folgende Warnsignale:

  • Kein erkennbares Konzept. Beispiele wären etwa heilende Kräfte, Energiearbeit oder übernatürliche Fähigkeiten.
  • Abwertung oder Abraten von anerkannten Heilmethoden.
  • Geheimes, unbekanntes Wissen über Ihr Problem oder die Behandlung.
  • Versprechen von rascher Heilung, selbst bei chronischen Erkrankungen.
  • Warnungen vor negativen Folgen, falls den Empfehlungen nicht gefolgt wird.
  • Wenn die vorgeschlagene Lösung sehr einfach erscheint.
  • Religiöse Vorstellungen oder die Annahme eines „vorherbestimmten Weges“.
  • Die Forderung nach blindem Vertrauen oder Gehorsam.
  • Wenn das Einholen weiterer Meinungen als unnötig dargestellt wird.
  • Hans Morschitzky, Springer Verlag: Psychotherapie Ratgeber
Redaktionelle Bearbeitung: Benjamin Slezak
Erste Veröffentlichung:
Letzte Aktualisierung:
Das könnte Sie auch interessieren:
Psychotherapeut oder Psychiater
Depressionen erkennen
Merkmale einer Depression