Kinder von Suchtkranken Wenn ein Elternteil süchtig ist

Kind einer Alkoholikerin

Kinder aus suchtbelasteten Familien benötigen besonderen Schutz. Als nichtsüchtiges Elternteil tragen Sie auch einen Großteil der Verantwortung für das gemeinsame Kind. Ein süchtiges Umfeld ist für einen heranwachsenden Menschen in vielfacher Hinsicht eine Belastung. Allerdings gibt es Möglichkeiten, dem Kind die Unterstützung zu bieten, die es braucht.

Benjamin Slezak
Mag.
Benjamin
Slezak
Psychologe
Lesedauer 10 Min.
Thema Alkoholismus
Zielgruppe Angehörige

Vermutlich wissen Sie, wie schwer das Zusammenleben mit einem suchtkranken Menschen sein kann. Vielleicht kennen Sie auch die Stimmungsschwankungen, die gefühlskalten Diskussionen und den Streit um die Sucht aus eigener Erfahrung. Dann wissen Sie auch, wie schwer es sein kann, eine vertrauensvolle, sichere Bindung aufzubauen.

Kinder sind dieser belastenden Situation weitgehend schutzlos ausgesetzt. Gerade wenn es um einen Elternteil geht, fehlt ihnen die emotionale Distanz. Das Kind hasst die Suchtkrankheit, liebt aber die Eltern. Hinzu kommen noch Ängste und Einsamkeit – eine verwirrende Gefühlswelt. Die Kinder müssen Fähigkeiten entwickeln, um mit dieser Herausforderung besser umzugehen.

Häufig haben sich Kinder in suchtbelasteten Familien drei Bewältigungsstrategien zurechtgelegt:

 Strategie  Beschreibung
Rede Nicht

Kinder wahren das Familiengeheimnis. Sie sprechen kaum offen über ihre Sorgen und Probleme – insbesondere nicht mit Personen außerhalb der Familie. Die Kinder wachsen mit dem Gefühl heran, ihre Familie wäre „anders“. Die Folgen sind häufig Schamgefühle und unterdrückte Emotionen.

Vertraue nicht

In vielen suchtbelasteten Familien werden Abmachungen nicht eingehalten. Das Verhalten des süchtigen Elternteils ist oft unberechenbar und für das Kind nicht nachvollziehbar. Manchmal ist es einfach nicht möglich, Versprechen und Vereinbarungen einzuhalten. Geschieht dies jedoch regelmäßig, stehen die Handlungen der Eltern in ständigem Widerspruch zu deren Aussagen. Das Kind kann sich nicht auf die Eltern verlassen, es kann zu einem bleibenden Vertrauensverlust kommen.

Fühle nicht

Negative Gefühle wie Angst, Wut und Enttäuschung werden von vielen Kindern zurückgehalten und können im Rahmen der Familie nicht ausgelebt werden. Das Kind verdrängt und verleugnet die eigenen Gefühle. Diese Abwehr der eigenen Emotionen kann bis ins Erwachsenenalter reichen.

Doch wenn Ihr Kind später ein gesundes und glückliches Leben führen soll, muss es lernen, mit der Sucht des Vaters oder der Mutter umzugehen. Dabei ist es wichtig, die eigenen Emotionen ausdrücken zu dürfen und vertrauensvolle Beziehungen aufbauen zu können. Eine ungestörte Kindheit bedeutet auch, einfach nur mal unbeschwert Kind sein zu dürfen – dafür wird es Hilfe benötigen. Hilfe, die Sie ihm geben können:

Verhaltensstrategien

  • Die Kinder sollten nicht Partei für einen Elternteil ergreifen müssen und aus Konflikten herausgehalten werden. Der Partner oder die Partnerin sollte nicht gegenüber den Kindern kritisiert werden.
  • Kinder lieben beide Eltern. Bleiben Sie bei Auseinandersetzungen ausschließlich bei Ihrer eigenen Meinung, ohne die Ansicht des Kindes als Argument für Ihren Standpunkt zu verwenden.
  • Wenn es in der Familie zu körperlicher oder verbaler Gewalt kommt neigen Kinder dazu, sich zurückzuziehen und alleine sein zu wollen. Womöglich fühlt sich Ihr Kind dann traurig, ängstlich oder einsam. Versuchen Sie mit ihm zu sprechen und es zu trösten.
  • Ältere Kinder sollten nicht in die Rolle eines Erwachsenen gedrängt werden. Besprechen Sie mit ihm keine „Erwachsenenthemen“. Auch wenn Ihr Kind womöglich reif wirkt – es sollte kein Ersatz für einen Elternteil sein. Weder für Sie, noch für jüngere Geschwister.
  • Regen Sie Freizeitaktiväten Ihrer Kindern an. Sie brauchen die Möglichkeit, Beziehungen zu Menschen außerhalb der Familie herzustellen. Schulprojekte, Sportvereine oder Nachbarschaftsaktiväten helfen Ihrem Kind, Unabhängigkeit und Eigenständigkeit zu entwickeln.
  • Geben Sie Ihrem Kind die Gelegenheit, Freunde auf Besuch nach Hause mitzunehmen. Auch in suchtbelasteten Haushalten gibt es Momente, in denen das Familienleben vergleichsweise normal abläuft. Vermeiden Sie es, in Gegenwart der Kinder in Konflikte zu geraten oder die Sucht zu thematisieren.
  • Informieren Sie sich über die Sucht und was Sie als Angehöriger tun können. Hier finden Sie weiterführende Informationen für Angehörige von Suchtkranken. Kontaktieren Sie eine der vielen Beratungsstellen. Viele haben sich auf die Probleme und Fragen Angehöriger spezialisiert und kennen Ihre Situation gut.
  • Geben Sie Ihrem Kind ebenfalls die Möglichkeit sich zu informieren. Fragen Sie nach kindgerechtem Informationsmaterial und lesen Sie dieses gemeinsam. Sprechen Sie danach über das Gelesene.
  • Besuchen Sie eine Selbsthilfegruppe für Angehörige von Suchtkranken. Vergessen Sie nicht: Sie sind nicht alleine!
  • Informieren Sie sich über die Co-Abhängigkeit (Mitbetroffenheit) Angehöriger von Suchtkranken.

Erkären Sie Ihrem Kind vor allem eine wichtige Wahrheit: Sucht ist eine Krankheit.

  • Ihr Kind hat sie nicht verursacht.
  • Ihr Kind kann die Krankheit nicht heilen.
  • Ihr Kind kann die Krankheit nicht kontrollieren.
  • Es kann aber für sich selber sorgen.
  • Es hilft, über seine Gefühle mit vertrauten Erwachsenen zu sprechen.
  • Ihr Kind kann gesunde Entscheidungen treffen – für sich.
  • Ihr Kind kann stolz auf sich sein.

Wenn Sich Ihr Kind an Sie um Hilfe wendet

Ihr Kind wendet sich an Sie, weil es Ihnen vertraut. Weisen Sie das Kind nicht ab. Versuchen Sie, auf seine Fragen und Anliegen einzugehen. Zeigen Sie, dass Sie die Ängste und Sorgen ernst nehmen – ohne dabei die Probleme kleinzureden. Übertriebenes Verständnis und Entgegenkommen sollte ebenfalls vermieden werden. Manchmal kann es schon reichen, sich einfach Zeit zu nehmen und zuzuhören.

Kind eines Alkoholikers
Kinder von Suchtkranken benötigen besondere Unterstützung und Aufmerksamkeit.

Vermitteln Sie Ihrem Kind Verständnis und zeigen Sie ihm, dass es ein wertvoller, geschätzter Mensch ist und geliebt wird. Es ist nicht alleine.

Selbsthilfegruppen sind nicht nur für Erwachsene eine gute Idee. Kinder mit einem alkoholabhängigen Elternteil können beispielsweise ab einem Alter von elf Jahren bei Alateen teilnehmen. Alateen ist eine Selbsthilfegruppe speziell für jugendliche Angehörige von Alkoholkranken. Sie lernen dort Gleichaltrige in ähnlichen Situation kennen und können Ihre Erfahrungen und Sorgen gemeinsam verarbeiten. Schlagen Sie Ihrem Kind einen Besuch vor und helfen Sie ihm bei der Kontaktaufnahme.
Das Wissen, nicht alleine gelassen zu sein, zu sehen, dass es anderen Menschen ähnlich ergeht, kann für das Kind eine spürbare Erleichterung bedeuten.

Für jüngere Kinder bieten sich geleitete Spielgruppen an. Einige Suchtberatungsstellen und Selbsthilfeverbände bieten entsprechende Angebote an. Eine genaue Auflistung finden Sie hier.

Machen Sie mit Ihrem Kind keine Pläne, welche Sie dann nicht einhalten (können). Ihr Kind soll sich auf Sie verlassen können.

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