So helfen Sie einem Alkoholiker Wie Sie als Angehöriger helfen können

Angehörige hilft einem Alkoholiker

Angehörige von Alkoholikern finden sich in einer schwierigen Lage wieder. Sie möchten einem geliebten Menschen helfen, stoßen aber auf Widerstände? Vermutlich haben Sie schon bemerkt: Die besten Vorsätze nutzen wenig, wenn der Alkoholkranke nicht will. Verschiedene Strategien können Ihnen helfen, sich in schwierigen Situation richtig zu verhalten. So helfen Sie nicht nur dem Alkoholiker, sondern verbessern auch Ihre persönliche Lage und das gemeinsame Zusammenleben.

Benjamin Slezak
Mag.
Benjamin
Slezak
Psychologe
Lesedauer 10 Min.
Thema Alkoholismus
Zielgruppe Betroffene

Als Angehöriger eines alkoholkranken Familienmitgliedes oder Freundes sind Sie von dessen Abhängigkeit mitbetroffen. Sie fühlen sich verpflichtet, etwas zu tun und sorgen sich. Sie möchten helfen, möchten die Probleme gemeinsam in den Griff bekommen, erleben jedoch zunehmend emotionale Kälte, Aggressivität und Rücksichtslosigkeit? Die Sucht des anderen wird so auch zum Problem für einen selbst. Es bleibt weniger Zeit für die eigenen Bedürfnisse und allmählich lässt Ihre Kraft und Energie nach.

Die Sucht Ihres Angehörigen hat so auch Einfluss auf Ihr eigenes Leben – Sie leiden mit und sind vermutlich mit der Situation überfordert. Experten nennen dies „Mitbetroffenheit“. Es ist naheliegend, dass Sie gerne die Sucht des Angehörigen beenden würden. Vielleicht haben Sie sogar das Gefühl, dass Sie motivierter und engagierter sind als der Betroffene selbst. Viele Angehörige sind zwischen Verantwortungsgefühl und Enttäuschung, zwischen Liebe und Wut hin- und hergerissen. Dabei ist es verständlich, wenn Sie an Ihre Grenzen stoßen und am liebsten einfach ausbrechen würden.

Doch wie kann man am besten helfen? Und wie vermeidet man, dabei selbst auszubrennen und sein eigenes Leben zu vernachlässigen?

Wenn Alkoholiker nicht aufhören möchten, sind weder Drohungen noch Bettelei geeignet, Sie umzustimmen.

Motivieren

Für den Alkoholiker ist es schwierig, sich seiner Sucht zu stellen. Häufig wird dann auf Hilfsangebote mit heftiger Gegenwehr, ja geradezu aggressiv reagiert. Die Bereitschaft zu einer langfristigen Änderung ist meistens erst dann gegeben, wenn der Betroffene unter den Auswirkungen seiner Sucht leidet. Erst wenn der Leidensdruck kaum noch auszuhalten ist kommt Bewegung in die Sache. Doch bis sich die Einsicht, Hilfe zu brauchen, durchgesetzt hat, haben Sie als Angehöriger bereits viel durchgemacht.

Sieht der Betroffene in Ihnen einen „Feind“, der ihm den Alkohol wegnehmen möchte, besteht noch kein ehrlicher Wunsch zur Änderung. Machen Sie Ihrem Angehörigen den Ernst seiner Lage klar. Zeigen Sie finanzielle, soziale und familiäre Probleme klar auf. Vermeiden Sie aber, in Vorwürfe und Beschuldigungen abzugleiten. Auch wenn es nicht einfach ist: Bemühen Sie sich, sachlich zu bleiben.

Achten Sie darauf, dass nicht nur von Hilfe und Veränderung gesprochen wird – es müssen auch Taten folgen! Häufig versuchen Alkoholiker zunächst selbstständig und mit möglichst wenig Veränderung ihr Trinkverhalten in den Griff zu bekommen. Seien Sie nicht enttäuscht, wenn diese ersten Versuche nicht erfolgreich sind. Sehen Sie es vielmehr als Zeichen, dass es an der Zeit ist, neue Wege einzuschlagen und sich um professionelle Hilfe umzusehen.

Freiraum schaffen

Auch wenn es anfangs womöglich wie ein Schritt in die falsche Richtung erscheinen mag – versuchen Sie zunächst, Ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche wahrzunehmen. Ein wenig Abstand schafft erst die Voraussetzung, um angemessen helfen zu können. Nur wenn Sie eine gewisse Zufriedenheit im Leben spüren können Sie die Kraft aufbringen, anderen eine Stütze zu sein. Indem Sie ein selbstständiges, eigenes Leben führen, gehen Sie mit gutem Beispiel voran und haben noch Ressourcen, um Ihrem Angehörigen beizustehen.

Zuerst sich selbst helfen, dann den anderen

Übernehmen Sie keine Verantwortung für Dinge oder Aufgaben, für die der Alkoholiker selbst zuständig ist. Achten Sie auf klare Grenzen und verzichten Sie nicht auf Dinge, welche Ihnen wichtig sind. Vermeiden Sie es, immer mehr und mehr Aufgaben zu übernehmen und allmählich ihre eigenen Bedürfnisse zu vernachlässigen. Nehmen Sie dem Alkoholkranken keine Verantwortung ab. Auch wenn es schwer fällt: Erledigen Sie nur Verpflichtungen, für die Sie auch zuständig sind.

So machen Sie dem Suchtkranken die negativen Folgen seiner Sucht bewusst und unterstützen ihn dabei, sich aktiv um Änderung zu bemühen.

Hilfe in Anspruch nehmen

Zögern Sie nicht, Beratungsstellen zu kontaktieren, um mit Experten über Ihr Anliegen zu sprechen. Die Angebote sind unverbindlich, Sie alleine entscheiden, ob und in welcher Form Sie Beratung in Anspruch nehmen wollen. Alle Gespräche sind streng vertraulich, Sie können offen über Ihre Belastungen und Sorgen sprechen. Für viele ist es das erste Mal, dass sie mit einer neutralen Person über diese Dinge sprechen können.

Gemeinsam können Lösungen gefunden und individuelle Strategien für alltägliche Probleme entwickelt werden.

Angehörige mit einem Alkoholiker
Als Angehöriger eines Alkoholikers können Sie den Heilungsprozess unterstützen

Die Angebote sind kostenlos und anonym, es werden keine Informationen an Angehörige oder Dritte weitergeben.

Hier finden Sie eine Reihe an Beratungsstellen, welche sich auf die Probleme von Angehörigen spezialisiert haben. Ein Anruf kostet lediglich wenige Minuten und hilft, Ihre aktuelle Situation zu verbessern.

Beratungsstellen für Angehörige von Alkoholikern

Vergessen Sie nicht: Auch Sie als gesunder Mensch haben ein Recht auf Unterstützung. Sie befinden sich in einer herausfordernden Situation und der Besuch einer Beratungsstelle ist kein Zeichen von Schwäche. Vielmehr zeigen Sie damit Verantwortung, stellen sich Problemen und gehen mit gutem Beispiel voran.

Selbsthilfegruppen

Selbsthilfegruppen bieten eine gute Möglichkeit, sich mit anderen Personen in derselben Situation austauschen. Womöglich erkennen Sie in anderen Ihre eigenen Verhaltensweisen und Gefühle wieder. Sie werden merken: Sie sind nicht alleine.

Welche Strategien haben sich bei anderen bewährt? Wie haben andere ähnliche Probleme gelöst und zurück in ein glückliches Leben gefunden? Gerade wenn die Situation manchmal aussichtlos erscheint, kann es helfen, Menschen mit ähnlichen Lebensgeschichten kennen zu lernen.

Die abstinent lebenden Mitglieder können Ihnen durch deren eigene Lebensgeschichte vermitteln, dass sich der lange und schwierige Weg aus der Sucht letzten Endes lohnt!

Hier finden Sie eine passende Selbsthilfegruppe in ihrer Nähe.

Selbsthilfegruppen für Angehörige von Alkoholikern

Aktiv helfen

Den wichtigsten Schritt haben Sie bereits getan: Sie informieren sich über die Krankheit. Sie sollten wissen, wie sich die Sucht Ihres Angehörigen auswirkt und was noch auf Sie zukommen kann. So können Sie sich besser auf schwierige Situationen einstellen und lernen damit umzugehen.

Vermeiden Sie es, Alkohol zu verstecken oder den Alkoholkonsum unter Drohungen zu verbieten. Der oder die Alkoholiker/-in wird Mittel und Wege finden, dennoch zu trinken oder Sie einfach ignorieren. Der Kampf um versteckte Flaschen ist dann für alle Beteiligte kräftezehrend und verschlechtert das Zusammenleben. Unwirksame Drohungen frustrieren nur zusätzlich, ohne dabei wirklich zu helfen.

Ist der oder die Alkoholiker/-in gerade trocken oder auf Entzug sollten Sie versuchen, keinen Alkohol im Haushalt aufzubewahren – auch wenn Ihnen gesagt wird, „dass dies nicht nötig wäre“.

  • Es ist nicht ihre Aufgabe, die Sucht zu besiegen.
  • Sie können nicht das Trinkverhalten einer anderen Person kontrollieren.
  • Versuchen Sie, Ihre Hilfe möglichst effizient und effektiv zu gestalten.
  • Wenn möglich, motivieren Sie ihren Angehörigen, professioneller Hilfe in Anspruch zu nehmen.
  • Weisen Sie auf Selbsthilfegruppen und professionelle Hilfsangebote hin.
  • Gehen Sie mit guten Beispiel voran und zeigen Sie ruhig deutlich, dass Sie sich nicht mit der aktuellen Lage abfinden werden.

Langfristig ist es wichtig, dass neue Wege der Freizeit- und Alltagsgestaltung gefunden werden. Der Alkoholkranke muss sein Trinken durch neue Inhalte und Aufgaben ersetzen und zurück in ein zufriedenes und schönes Leben finden. Hier können Sie als Teil einer neuen Lebensgestaltung eine wichtige Stütze bieten.

Ein langer Weg

Ihr Angehöriger hat noch einen langen, schwierigen Weg vor sich. Machen Sie sich auf Rückschläge gefasst, verlieren Sie aber nicht die Hoffnung. Heilung kann nur dann eintreten, wenn der Betroffene einen Wandel durchmacht. Ihr Familienleben wird sich dadurch verändern und auch die Beziehung zueinander kann sich neu gestalten. Angehörige stehen dann vor der Herausforderung, sich auf die neue Situation einzustellen. Ein Neuanfang betrifft also die ganze Familie. Es ist daher wichtig, dass alle Beteiligten aktiv am Genesungsprozess teilnehmen.

Ein Leben ohne Alkohol bedeutet auch, einen Schlussstrich unter der Vergangenheit zu ziehen und nochmals frisch anzufangen. Konzentrieren Sie sich auf die Zukunft und die Neugestaltung Ihres Zusammenlebens. Bemühen Sie sich, neues Vertrauen aufzubauen, auch wenn dieses in der Vergangenheit regelmäßig enttäuscht wurde. Ein frischer Beginn kann nur funktionieren, wenn Sie dem Betroffenen auch die Chance dazu geben.

Versuchen Sie, Ihre Erwartungen möglichst realistisch zu halten. Rückschläge und gebrochene Vorsätze sind völlig normal und kein Zeichen von Charakterschwäche.

Sie haben keine Schuld an der Sucht. Sie haben auch keine Schuld, wenn es der Betroffene nicht schaffen sollte.

Co-Abhängigkeit

Häufig besteht die Gefahr, dass der Alkoholismus des Angehörigen auch die eigene Stimmung, Verfassung und Lebensführung beeinträchtig. Achten Sie daher besonders auf folgende Warnsignale:

Symptom Erklärung
Verharmlosung Der Versuch die aktuelle Situation herunterzuspielen. Der Angehörige redet sich die Dinge schön.
Entschuldigungen Der Angehörige findet Entschuldigungen und Begründungen für das Verhalten des Alkoholikers
Drohungen Es werden Drohungen in Richtung des Alkoholikers ausgesprochen.
Pflichten übernehmen Pflichten und Aufgaben des Alkoholikers werden übernommen und selbst ausgeführt.
Fehlverhalten vertuschen Der Angehörige versucht, das Verhalten des Alkoholikers zu decken. Beispiele sind etwa das Lügen über Krankenstände oder erfundene Begründungen für das Fernbleiben von wichtigen Anlässen.

Rückfälle

Auch als Angehöriger muss man lernen, mit Rückschlägen umzugehen. Womöglich hat die alkoholkranke Person dabei Abmachungen ignoriert und Sie enttäuscht. Dies bedeutet jedoch nicht, dass Ihre Bemühungen umsonst gewesen sind, oder nicht wertgeschätzt werden. Doch wie soll man darauf reagieren? Hier gilt: Vorwürfe helfen nicht, Rückfälle sollten jedoch auch nicht ignoriert werden. Besser ist es, jeden Rückfall aufzuarbeiten. Dies kann z.B. im Rahmen einer Therapie oder gemeinsam mit einer Beratungsstelle passieren.

Versuchen Sie, auf einen Rückfall vorbereitet zu sein

Versuchen Sie, auf einen Rückfall vorbereitet zu sein und akzeptieren Sie, dass es keine hundertprozentige Sicherheit bei einer Krankheit wie der Alkoholsucht gibt. Selbst nach Jahren kann es plötzlich zu Rückfällen kommen. Bedenken Sie, dass dazwischen womöglich lange Phasen waren, in denen ihr Angehöriger sein Trinkverhalten unter Kontrolle hatte. Auch das ist ein Erfolg! Sehen Sie Alkoholismus als eine chronische Krankheit – selbst wenn sie noch nicht geheilt ist, sind lange, beschwerdefreie Perioden möglich.

Machen Sie sich jedoch auch einen Plan, wie Sie reagieren werden, wenn es sich um keinen kleinen „Ausrutscher“ handelt, sondern langfristig alte Trinkgewohnheiten wiederkehren. Überlegen Sie sich, was das für Sie bedeuten würde und ob sie damit fertig werden können. Möchten Sie es ein weiteres Mal versuchen, oder sehen Sie selber kaum noch Hoffnung?

Vergessen Sie nicht: zunächst steht Ihr eigenes Wohlbefinden im Vordergrund. Nur wenn es Ihnen gut geht, können Sie anderen helfen.

Besprechen Sie Ihren „Notfall-Plan“ mit einer vertrauten Person oder wenden Sie sich an eine Beratungsstelle. Überdenken Sie nüchtern und ohne Druck, was in einer solchen Situation für Sie und Ihre Familie das Beste wäre. Schreiben Sie ihre Gedanken auf und rufen Sie sich Ihre Vorsätze in Erinnerung falls es tatsächlich dazu kommen sollte.

Wenn Sie mit einem trockenen Alkoholiker zusammen leben bleibt immer die Angst vor dem Rückfall. Lesen Sie hier, wie Sie helfen können, um Rückfälle möglichst zu vermeiden.

Rückfälle bei Alkoholikern vermeiden helfen

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