Medikamentenabhängigkeit

Tablettensucht

Tabletten

Die Medikamentenabhängigkeit zählt zu den häufigsten Suchterkrankungen. Wir erklären die Besonderheiten in Entstehung und Behandlung.

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Bei Suchterkrankungen denken wir häufig an typische Abhängigkeiten wie eine Alkohol- oder Drogensucht. Das ist insofern erstaunlich, als das Medikamente in unserer Gesellschaft allgegenwärtig sind und Tablettensucht in allen Gesellschaftsschichten vorkommt.

Die Gefahr, selbst an einer Tablettensucht erkranken zu können wird häufig unterschätzt. So werden Suchterkrankungen etwa mit illegalen Suchtmittel in Verbindung gebracht oder auf die weitgehende bekannte Alkoholsucht reduziert.

Medikamente, insbesondere wenn sie von einem Arzt verschrieben wurden, scheinen zunächst harmlos und kalkulierbar. Der Eindruck ist verständlich – schließlich wurde die Medikamenteneinnahme verordnet und man „muss“ sie aufgrund des persönlichen Leidens einnehmen. Wie kann es aber zu eine Sucht kommen, wenn man sich lediglich an die Anweisungen des Arztes gehalten hat?

Tablettenabhängigkeit – Sucht auf Rezept?

Zunächst scheint es unverständlich: Wieso würde ein Arzt ein Rezept verschreiben, welches süchtig macht?

Tatsächlich steht Ihr Arzt vor einer schwierigen Aufgabe, wenn er ein Medikament mit Suchtpotential verschreiben muss. Es gilt abzuwägen, ob das mögliche Risiko einer Abhängigkeit gerechtfertigt ist. In vielen Fällen ist das so: Das Medikament kann eine wichtige Rolle bei der Therapie spielen und Ihnen helfen, Ihr Leiden zu überwinden. 

Dem gegenüber steht das Risiko abhängig zu werden. Allerdings kann diese Gefahr durch Aufklärung, adäquate Dosierung und kurze Behandlungsdauer auf ein vertretbares Niveau gesenkt werden. Was also tun?

Ihr Arzt weiß in der Regel über ein mögliches Suchtpotential der verschriebenen Medikamente bescheid. Übersteigt das Risiko den möglichen Nutzen, wird er von einer Behandlung mit dem jeweiligen Präparat absehen. 

Allerdings sind individuelles Verhalten, Wahrscheinlichkeiten und Risiken schwer zu kalkulieren. Niemand kann mit endgültiger Sicherheit eine Suchterkrankung ausschließen – trotz aller Vorsichtsmaßnahmen besteht bei einer Reihe an Medikamenten immer die Möglichkeit, eine Abhängigkeit zu entwickeln.

Medikamente mit Suchtgefahr

Risikofaktoren für eine Medikamentenabhängigkeit

Die wichtigsten Risikofaktoren für die Entwicklung einer Medikamentenabhängigkeit sind Häufigkeit und Dauer der Arzneimitteleinnahme. Dementsprechend gibt es Umstände, die ein solches Verhalten begünstigen:

  • Gewohnheit, alle Beschwerden mit Medikamenten zu behandeln
  • Diffuse, schwer einzuordnende Beschwerden
  • Chronische, lang anhaltende Leiden
  • Symptombehandlungen
  • Hoher Anspruch an Leistungsfähigkeit
  • Bestehende Suchterkrankung (z.B. Alkoholismus)

Wenn Sie Ihr eigenes Risiko einschätzen möchten, achten Sie auf Ihre Gewohnheiten bzw. Gründe warum Sie das jeweilige Medikament einnehmen. Gefährlich sind vor allem Beschwerden, die Sie schon länger begleiten und deren Ursache bisher nicht adäquat behandelt wurde.

Gerade wenn man die Ursache des Leidens nicht genau kennt, scheint eine Symptombehandlung der einzige Ausweg. Bei chronischen Erkrankungen kann das jedoch schwierig sein: Wenn das verordnete Medikament nur für einige Tage oder Wochen eingenommen werden darf, stößt man schnell an Grenzen.

Die regelmäßige Symptombehandlung mittels Medikamenten mag zwar eine rasche Besserung versprechen, birgt aber die Gefahr einer Abgängigkeit. 

Vor allem Frauen über 40 haben eine erhöhtes Risiko, Medikamentenabhängig zu werden. Die genauen Gründe dafür sind unklar, es wird ein Zusammenhang mit familiären Änderungen in diesem Lebensabschnitt vermutet. Ereignisse wie die beginnende Menopause, der Auszug der Kinder, Schwierigkeiten am Arbeitsmarkt oder beginnende Alterserscheinungen können Auswirkungen auf die psychische und körperliche Gesundheit haben. Wird dann langfristig zu Medikamenten gegriffen steigt das Risiko für eine Abhängigkeit.

Merkmale einer Tablettensucht

Die Kennzeichen einer Medikamentensucht gleichen denen anderer Suchterkrankungen:

  • Kaum kontrollierbarer Drang, das Medikament weiter einzunehmen.
  • Toleranzentwicklung, das Medikament wirkt immer weniger.
  • Dosissteigerung. Um der Toleranzentwicklung entgegenzuwirken, wird die Dosis stetig erhöht.
  • Fortgesetzter Konsum trotz Probleme in der Arbeit, Schule, Haushalt, etc.
  • Inkaufnahme von körperlichen Schäden in Folge der Medikamenteneinnahme.
  • Kontrollverlust in Bezug auf Häufigkeit, Dosis und Dauer der Einnahme.
  • Entzugssymptome.
  • Versuche, das Medikament trotz fehlender Verschreibung über andere Wege zu erhalten.
  • Zunehmende Ausrichtung des Alltags auf den Konsum – alles dreht sich nur noch um das Medikament.

Einer Tablettensucht vorbeugen

Was kann also getan werden, um das Risiko einer Abhängigkeit zu senken? Zunächst sollten Sie sich über das verordnete Medikament informieren. Besteht überhaupt eine Suchtgefahr? In der Regel weist Sie Ihr Arzt auf mögliche Risiken hin und erklärt, wie Ihr Medikament eingenommen werden muss. Eine Auflistung von Medikamenten bzw. Wirkstoffen mit Suchtpotential finden Sie hier.

Beachten Sie folgende Punkte:

  • Halten Sie sich strikt an die Anweisungen Ihres Arztes. 
  • Erhöhen Sie nicht die verschriebene Dosis.
  • Nehmen Sie die Medikamente nicht länger als verordnet.
  • Verwenden Sie Ihr Präparat nicht für die Behandlung von Beschwerden, für die es nicht ausdrücklich verschrieben wurde.
  • Informieren Sie sich über mögliche Nebenwirkungen und behandeln Sie diese nur nach Rücksprache mit Ihrem Arzt.
  • Versuchen Sie nicht über Umwege eine Erhöhung der Dosis zu erreichen, wenn Ihr Arzt diese abgelehnt hat.
  • Informieren Sie Ihren Arzt regelmäßig über den Behandlungsfortschritt. Berichten Sie auch, wenn Sie ein Nachlassen der Wirksamkeit bemerken.
  • Womöglich kann es notwendig sein, Ihr Medikament am Ende der Therapie schrittweise abzusetzen. Informieren Sie sich über mögliche Entzugserscheinungen.
  • Behandeln Sie Entzugserscheinungen nicht, indem Sie das Medikament länger oder höherdosiert als geplant einnehmen. Wenden Sie sich stattdessen an Ihren behandelnden Arzt.
  • Nehmen Sie Medikamente nicht präventiv, noch bevor es zu Symptomen gekommen ist – es sei denn, es wurde vom Arzt angeordnet.

Je nach Leiden scheint auch eine alternative Behandlung sinnvoll. Viele Beschwerden lassen sich auch ohne Medikamente effektiv behandeln. Damit sind keine „alternativmedizinischen“ Methoden gemeint, sondern gut wirksame Therapien, die ohne Arzneimittel auskommen. Beispiele wären etwa Physiotherapie bei Verspannungsschmerzen oder Schlafhygiene zur Behandlung von Schlafstörungen.

Einstellungen gegenüber Medikamenten

Die Art und Weise, wie wir Arzneimittel wahrnehmen und mit ihnen umgehen, beeinflusst das Abhängigkeitsrisiko. Hier ist es ratsam, die eigene Einstellung kritisch zu hinterfragen:

  • Medikamente haben eine komplexe Wirkung auf unseren Organismus. Sie sind kein „Schalter“, mit denen man beispielsweise Kopfschmerzen einfach „ausschalten“ kann.
  • Medikamente helfen Leiden zu lindern, sie sind keine Abkürzung zu einem „besseren“ oder „glücklicheren“ Leben.
  • Arzneimittel sind nicht dazu gedacht, die Leistungsfähigkeit über die natürlichen Grenzen zu steigern. Sie sind kein „Gehirndoping“ oder „Helfer für den Alltag“.
  • Wenn ein Präparat ohne Rezept erhältlich ist, bedeutet dies nicht, dass es völlig unbedenklich eingenommen werden darf.
  • DHS: DHS Suchtmedizinische Reihe Band 5: Medikamente
  • Thomas Geschwinde, Springer: 8. Auflage
Redaktionelle Bearbeitung: Benjamin Slezak
Erste Veröffentlichung:
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