Hilfe für Depressive Wie Sie Ihrem depressiven Angehörigen helfen können

Angehörige helfen bei einer Depression

Depressionen wirken sich stark auf Motivation und Antrieb aus. Für Betroffene ist es daher schwierig, sich aus eigener Kraft in Behandlung zu begeben oder aus ihrem depressiven Alltag auszubrechen. Umso wichtiger ist die Unterstützung von Angehörigen und Partnern.

Lesedauer 12 Min
Psychische Erkrankungen
Schwerpunkt Gesundheit

Als Angehöriger eines depressiven Menschens kennen Sie vermutlich dessen gedrückte und lustlose Stimmung. Tatsächlich ist das schon ein guter Anfang: Sie haben das Problem erkannt und wissen über die Gefühlslage bescheid. Das ist nicht selbstverständlich. Viele Betroffene leiden im Stillen, ohne es in der Familie oder dem Freundeskreis zu thematisieren. In diesem Fall empfiehlt es sich, zunächst die Depressionen abzuklären.

Richtig helfen

Als Angehöriger eines depressiven Kranken gibt es eine Reihe an Möglichkeiten, Unterstützung und Hilfe zu bieten.

An erster Stelle sollte immer die Vermittlung einer professionellen Behandlung stehen. Depressionen sind schwere Erkrankungen, die auch tödlich enden können. Schwere Depressionen sollten daher nicht unterschätzt werden. Viele der Tipps und Ratschläge die man im Internet findet mögen gut und richtig sein, trotzdem ist eine psychotherapeutische oder medikamentöse Behandlung unbedingt notwendig. Ein Ratgeber im Internet kann zwar helfen, Sie können als Angehöriger aber keinen Therapeut oder Arzt ersetzen.

Die Betroffenen neigen dazu, eine Behandlung hinauszuzögern und „irgendwann“ zu beginnen. Dies führt dazu, dass ein großer Teil der depressiven Bevölkerung keine adäquate Behandlung erhält. Wer das Problem also erkannt hat, sollte dementsprechend handeln und sich möglich rasch nach einer professionellen Therapie umsehen.

Viele Depressive haben die Hoffnung auf eine dauerhafte Heilung bereits aufgegeben. Daher sollte man sich nicht allzu viel Eigeninitiative erwarten. Als Angehöriger können Sie helfen, den Beginn einer Therapie zu erleichtern:

  • Machen Sie klar, dass eine Behandlung unbedingt notwendig ist. Versuchen Sie, die Entscheidung abzunehmen und übernehmen Sie die Planung der ersten konkreten Schritte.
  • Suchen Sie einen geeigneten Arzt oder Therapeuten.
  • Vereinbaren Sie einen Termin, zu dem Sie Ihren Angehörigen begleiten.
  • Ermöglichen Sie eine möglichst einfache Anreise, holen Sie den Betroffenen beispielsweise mit dem Auto ab.
  • Bei akuter Selbstmordgefahr ist sofortiges Handeln notwendig, etwa die Einweisung in eine Klinik.

Wie denken Depressive?

Im Gespräch und Umgang mit Depressiven sollten Sie eines beachten: Sie können die Person zwar verstehen, wirklich nachvollziehen, was die Person empfindet werden sie vermutlich aber nicht.

Wenn Ihr depressiver Freund oder Angehöriger der Meinung ist, dass ihn „niemand versteht“ so stimmt das zu einem gewissen Ausmaß auch. Sie können zwar viel über den Zustand, die Gründe und Auswirkungen sprechen, sich in die andere Person „hineinzufühlen“ ist jedoch kaum möglich.

Depressive denken grundsätzlich nicht anders. Sie beschäftigen sich mit den selben Dingen, wie auch gesunde Menschen: Erfolg und Leistungsfähigkeit im Beruf, zwischenmenschliche Beziehungen oder den eigenen Selbstwert. Dazu kommen Fragen der Existenzsicherung wie z.B. finanzielle Ressourcen oder körperliche Gesundheit.

Bei stärkeren Formen der Depression ist eine Einengung dieser Themen zu beobachten. Häufig kreisen dann die Gedanken nur noch um 2-3 Themen, ohne einer Lösung näher zu kommen. Die Betroffenen neigen dazu, nur die negativen Aspekte wahrzunehmen. Dies führt zu Gefühlen des Versagens bzw. „nicht könnens“. Beispiele wären etwa:

  • Ich müsste in die Arbeit gehen, um finanziell abgesichert zu sein, kann aber nicht...
  • Ich sollte endlich einen Arzt aufsuchen, um gesund zu werden, es geht aber nicht...

Die Schuld wird häufig bei sich selbst gesucht, man könnte ja leistungsfähiger sein und fühlt sich nun als Versager. Langfristig kann das zu der Überzeugung führen, die eigene Situation nicht ändern zu können. Man fühlt sich hilflos und ausgeliefert. Das Gefühl der Unfähigkeit lässt sich nicht „wegdiskutieren“. Eine Überprüfung der Vorstellungen anhand von Tatsachen überzeugt nicht – das Gefühl und die Realität sind von einander getrennt.

Der Widerspruch zwischen Realität und Gefühl kann dem depressiven Menschen durchaus bewusst sein, allerdings hilft die Einsicht kaum weiter. Die Diskrepanz von „nicht wollen“ und „nicht können“ wird deutlich: „Es spricht eigentlich nichts dagegen, trotzdem kann ich es nicht.“

Grübeln

Viele Depressive neigen zu einem Kreisen der Gedanken um die immer gleichen Themen. Das ständige Grübeln nimmt kein Ende, man kommt einer Lösung des Problems nicht näher und verharrt in den selben Gedankenmustern. Das Grübeln wird von den Betroffenen durchaus als quälend beschrieben, es gleicht eher einem sinnlosen Brüten als einer intellektuellen Beschäftigung. Häufig wird es auch als eine Einfallslosigkeit oder „Leere im Kopf“ empfunden.

Leben mit depressiven Menschen

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Verständnis und Akzeptanz helfen depressiven Patienten.

Depressiv Erkrankte benötigen viel Verständnis und Fürsorge. Allerdings sollte man auch dabei Grenzen setzen und überfürsorgliches Verhalten vermeiden. Depressive Menschen sind zwar hilfsbedürftig, aber nicht hilflos oder gar entmündigt. Unterstützung sollte daher immer auf Augenhöhe angeboten werden, der Betroffene darf nicht das Gefühl der Minderwertigkeit oder Unfähigkeit bekommen.

Versuchen Sie, die Autonomie des Angehörigen so weit wie möglich zu unterstützen. Übernehmen Sie daher nur Aufgaben, die der Betroffene tatsächlich nicht selbst erfüllen kann. Mit der Zeit werden Sie ein Gespür dafür entwickeln, welche Dinge überfordern und von Ihnen übernommen werden sollten.

Wenn Ihr Angehöriger bereits in Behandlung ist, sollten Sie ihn zur Fortführung der Therapie ermutigen ohne sich in die Behandlung einzumischen. Dinge die einer Therapie besprochen wurden, sind aus gutem Grund vertraulich und müssen nicht unbedingt mit dem Partner diskutiert werden.

Wenn im Rahmen der Behandlung Medikamente eingenommen werden müssen, sollte die Sinnhaftigkeit von Medikamenten gegenüber dem Patienten nicht in Frage gestellt werden. Wenn Sie das Gefühl haben, dass eine Medikamentengabe nicht unbedingt notwendig sei, sollten Sie zunächst das Gespräch mit dem Arzt suchen.

Wenn Sie mit dem behandelnden Arzt oder Therapeuten sprechen möchten, sollte dies in der Regel kein Problem sein. Vergessen Sie jedoch nicht, Ihren Angehörigen darüber zu informieren.

Tagesstrukturen schaffen

Im Alltag haben sich klare Tagesstrukturen bewehrt. Versuchen Sie, einen Tagesablauf zu planen, der aktiviert ohne zu überfordern. Ziel ist es, ein Mindestmaß an Aktivität über den ganzen Tag sicherzustellen. Achten Sie darauf, Ihren Angehörigen nicht überanzustrengen: Was für Sie womöglich „normale“ Freizeitgestaltung bedeutet, ist für eine depressiven Menschen womöglich nicht schaffbar. Die Tagesstruktur soll dem Betroffenen zeigen, nach wie vor Dinge „schaffen“ zu können und kleine Erfolge ermöglichen.

  • Sorgen Sie dafür, dass festgelegte Aufstehzeiten am Morgen eingehalten werden. Wenn möglich, kann das beispielsweise gemeinsam mit dem eigenen Aufstehen sein.
  • Die Morgenhygiene sollte immer eingehalten werden. Wird regelmäßig geduscht oder rasiert? Wurde frische Unterwäsche angezogen?
  • Versuchen Sie gemeinsam zu frühstücken. Auch wenn über Appetitlosigkeit geklagt wird, sollte das Frühstück gemeinsam eingenommen werden.
  • Bieten Sie Unterstützung bei den Aufgaben des Alltags. Gehen Sie beispielsweise gemeinsam Einkaufen und kochen Sie gemeinsam.
  • Bitten Sie auch Freunde und Familienmitglieder um Hilfe. Die Personen eine gute Beziehung zum Betroffenen haben und in der Lage sein, ihn in seiner aktuellen Lage zu verstehen.
  • Planen Sie auch Erholungsphasen und Pausen ein. Achten Sie aber darauf, dass diese nur zeitlich begrenzt sind und nicht den Großteil des Tages ausmachen.
  • Verzichten Sie auf ausgiebige Freizeitaktivitäten. Ein ruhiger Spaziergang ist vielleicht leichter zu „schaffen“.
  • Falls Medikamente einzunehmen sind, beobachten Sie, ob diese auch tatsächlich genommen werden.

Sie werden merken, dass Sie mit Ihren Bemühungen auch auf Widerstand stoßen. Womöglich werden Ihre Hilfsangebote auch abgelehnt. Lassen Sie sich jedoch nicht von der depressiven Stimmung und Hoffnungslosigkeit anstecken, Sie werden viel Verständnis und Akzeptanz aufbringen müssen. Achten Sie dabei auch auf Ihr eigenes Wohlbefinden. Nur wenn es Ihnen selber gut geht, können Sie anderen helfen!

Freunde und Bekannte

Psychische Erkrankungen sind leider stigmatisiert. Es kann vorkommen, dass das eigene Umfeld die Depressionen nicht als „richtige“ Krankheit wahrnimmt. Für Außenstehende ist es oft schwierig, den Unterschied zwischen „nicht wollen“ und „nicht können“ zu begreifen. Wie sollte man also im Freundeskreis, in der Arbeit und in der Familie mit dem Thema umgehen?

Der Freundeskreis kann eine wichtige Stütze sein.

Im engen Freundeskreis kann ruhig offen über die Erkrankung gesprochen werden. Gute Freunde sind in der Regel für Informationen dankbar. Womöglich haben sie bereits selber Veränderungen im Verhalten festgestellt und haben ehrliches Interesse am Wohl des Erkrankten.

Für den Betroffenen kann es hilfreich sein, wenn gute Freunde Bescheid wissen: Sie können eine Stütze im Alltag sein und in die Tagesstruktur integriert werden. Darüber hinaus gibt es ganz alltägliche Vorteile: Man muss sich nicht erklären, warum man den Stammtisch absagt oder nicht auf einer Geburtstagsfeier erscheint.

Nicht ganz so einfach ist es, wenn die Bekannten nicht zum engsten Freundeskreis zählen. Was soll man ihnen sagen? Nun, grundsätzlich merkt man schnell, ob aufrichtiges Interesse besteht oder nur die eigene Neugier gestillt werden möchte. Wenn das Thema angesprochen wird, kann es helfen, den Unterschied zwischen „nicht können“ und „nicht wollen“ zu erklären. Damit umgeht man den stigmatisierten Begriff einer „psychischen Erkrankung" und macht deutlich, dass die Betroffenen nicht aus Faulheit oder Unlust auf gemeinsamen Aktivitäten verzichten. Manchmal ist es dann einfacher, anstatt von einer „psychischen Erkrankung“ einfach von einer „depressiven Erschöpfung“ zu sprechen.

  • Manfred Wolfersdorf, Springer Verlag: Depressionen verstehen und bewältigen
Redaktionelle Bearbeitung: Benjamin Slezak
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