Selbstmordgefahr erkennen Suizidversuche vermeiden

Frau mit Selbstmordabsicht

Hinter den meisten Selbstmorden steckt eine Depression. Manchmal wissen die Angehörigen von der Krankheit, häufig kommt es jedoch völlig überraschend zum Suizid. Wir erklären, auf welche Anzeichen und Verhaltensweisen Sie achten sollten.

Lesedauer 12 Min
Gesundheits­gefahr
Psychische Erkrankungen

Wer sein Leben selbst beendet, macht dies selten unüberlegt. Die Betroffenen haben subjektive Gründe, welche einen Selbstmord als „beste Lösung“ erscheinen lassen. Dahinter verbirgt sich vor allem eine tiefgehende Hoffnungslosigkeit, der Suizid ist scheinbar der einzige Ausweg.

Als Außenstehender ist das kaum zu verstehen. Klar, das Leben kann manchmal schwierig sein – aber ist der Tod nicht das Schlimmste, das einem passieren kann?

Selbstmordgedanken sind fast immer mit Depressionen verbunden und entwickeln sich über einen längeren Zeitraum. Auffälligstes Merkmal ist die Hoffnungslosigkeit, die ein „normales“ Leben unmöglich erscheinen lässt. Zu Beginn der depressiven Erkrankung besteht häufig die Hoffnung, es wäre eine Phase die vorübergeht. Doch wenn die Phase länger dauert oder regelmäßig wiederkehrt, schwindet die Hoffnung auf Besserung. Die Betroffenen versuchen dagegen anzukämpfen, bleiben aber oft erfolglos. Wenn dann trotz aller Bemühungen die nächste depressive Phase folgt, verliert man womöglich den Glauben an eine Normalisierung.

Die meisten depressiven Menschen sind für eine Behandlung bzw. Hilfe von außen zugänglich: Sie sehnen sich nach einer Verbesserung, allerdings scheint diese unerreichbar. Je länger die Erkrankung anhält, desto stärker wird der Wunsch nach Ruhe und Erlösung. Mit der Zeit verlieren Sie den Glauben daran, dass Hilfe überhaupt möglich wäre und sehen in einem Selbstmord die einzige Möglichkeit, ihrem Leiden zu entkommen.

Depressionen sind eine psychische Erkrankung mit potentiell tödlichem Ausgang. Angehörige depressiver Menschen sollten daher immer auch ein die Möglichkeit eines Suizids denken und entsprechende Hinweise ernst nehmen.

Wenn eine Depression noch nicht diagnostiziert ist, sollten auch die Kennzeichen einer Depression nicht übersehen werden. Weitere Informationen zum Erkennen von Depressionen finden Sie hier.

Wie man eine Depression erkennt

Suizidgefahr erkennen

Die Bewertung einer Suizidgefahr durch Angehörige ist immer schwierig. Man macht sich Sorgen, kann aber nicht ständig nach dem Wohlbefinden fragen. Viele scheuen sich, den Betroffenen konkret nach Selbstmordgedanken zu fragen, haben aber Angst, etwas zu übersehen.

Achten Sie vor allem auf diese 3 Dinge:

Risikofaktoren:
Bestimmte Lebensumstände können die Gefahr eines Suizids erhöhen. Dazu zählen:

  • frühere Selbstmordversuche
  • Selbstmorde in der Familie oder Freundeskreis
  • aktuelle Selbstmorde von Prominenten

Auslöser:
Bestimmte Ereignisse können das Suizidrisiko kurzfristig stark erhöhen und Auslöser für Selbstmordversuche sein. Erhöhte Achtsamkeit ist ratsam bei:

  • Scheidung
  • Todesfälle in der Familie
  • finanzielle Schwierigkeiten
  • Jobverlust

direkte oder indirekte Suizidankündigungen:
können sowohl Aussagen, Äußerungen oder Handlungen sein. Dazu zählen:

  • Verfassen von Testamenten
  • Vorbereitungen, lange aufgeschobene Dinge in Ordnung zu bringen oder zu beenden
  • Abschließen oder Auflösen von Versicherungen
  • direkte Aussagen zu Suizidabsichten, z.B.: „Es wäre für alle das Beste, wenn ich tot wäre
  • indirekte Aussagen zu Todeswünschen, z.B.: „Es hat ja alles keinen Sinn mehr

Achten Sie auch auf indirekte Suizidankündigungen. Viele Betroffene sprechen nebenbei von der Hoffnungslosigkeit in ihrem Leben, ohne dabei konkret auf Selbstmordgedanken einzugehen. Diese beiläufigen Bemerkungen werden leicht überhört, können aber ein Hinweis auf die Gefühlslage des Angehörigen sein.

Beispiele für Hinweise

Manchmal wird versucht, die eigenen Aussagen zu bagatellisieren. Man hätte es ja „im Spaß“ gesagt, und man „dürfe nicht alles so wörtlich auslegen“. Trotzdem empfiehlt es sich, die Aussagen ernst zu nehmen. Beispiele wären etwa:

  • Wenn es nicht bald besser wird, weiß ich nicht mehr weiter.
  • Ich bin nichts wert und niemand würde mich vermissen.
  • Meiner Familie würde es ohne mich besser gehen.
  • Ich bin doch nur eine Belastung für meinen Partner.
  • Ich kann nicht mehr, sehe einfach keinen Sinn mehr darin ...

Gerade, wenn Sie über die depressive Grunderkrankung Bescheid wissen, sollten Hinweise nicht leichtfertig ignoriert werden.

Klärung der Selbstmordgefahr

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Hinter fast jedem Suizid verbirgt sich eine Depression.

Angehörige haben häufig Hemmungen das Thema direkt anzusprechen. Dabei sind direkte Fragen die einzige Möglichkeit auch konkrete Antworten zu bekommen. Wer lange redet ohne auf den Punkt zu kommen, macht es dem Betroffenen leichter, seine Absichten zu verschleiern. Machen Sie aber klar, warum Sie diese Fragen stellen. Erzählen Sie von Ihren Beobachtungen und Sorgen und verdeutlichen Sie, dass Ihr Interesse vor allem dem Wohl Ihres Angehörigen gilt. Achten Sie auf eine gute, einfühlsame Gesprächsbasis.

Vermeiden Sie aber, in die Rolle eines Therapeuten zu schlüpfen. Ein depressiver Mensch benötigt Hilfe, er ist aber nicht entmündigt oder grundsätzlich lebensunfähig. Fragen Sie also direkt aber einfühlsam. Akzeptieren Sie es auch, wenn Ihr Gesprächspartner womöglich gerade nicht darüber sprechen möchte – nutzen Sie dann einfach die nächste Gelegenheit.

Zunächst sollten Sie fragen, ob der Betroffene überhaupt Selbstmordgedanken hegt oder in der Vergangenheit daran gedacht hat. Viele Depressive haben keine Selbstmordabsichten und kommunizieren das auch klar.

Wenn Ihr Angehöriger von Suizidgedanken berichtet sollte abgeklärt werden wie konkret dieser Wunsch ist. War es ein flüchtiger Gedanke, der schon länger her ist oder sind es aktuelle Suizidgedanken? Hat sich der Betroffene schon konkrete Vorstellungen darüber gemacht, z.B. Ort und Methode überlegt? Kommen die Selbstmordgedanken eher impulshaft oder sind sie ständiger Begleiter?

Fragen Sie auch nach der Kontrollierbarkeit der Selbstmordgedanken. Ist der Betroffene in der Lage, seine Gedanken zu kontrollieren und einen spontanen Todeswunsch zu widerstehen?

Diese Fragen sind sehr persönlich und nicht immer lässt das Verhältnis zum Angehörigen ein vertrauensvolles Gespräch zu. Unter Umständen fällt es dem depressiven Menschen leichter, diese Dinge mit einem Therapeuten oder Psychiater zu besprechen. Gerade wenn Sie sich bei der Beurteilung einer Selbstmordgefahr überfordert fühlen, kann ein professionelles Gespräch sinnvoll sein.

Richtig reagieren

Doch wie reagiert man nun richtig, wenn von Selbstmordgedanken berichtet wird? Zunächst sollte dem Thema Beachtung geschenkt werden und eine Gesprächsmöglichkeit geboten werden. Geben Sie dem Angehörigen die Möglichkeit, seine Gedanken ausführlich anzusprechen und bieten Sie Hilfe an. Sofern der Betroffene noch nicht in Behandlung ist sollte so rasch wie möglich ein Arzt oder Psychiater aufgesucht werden. Falls es bereits einen behandelnden Arzt gibt, sollte dieser über die Selbstmordgedanken informiert werden.

Betonen Sie im Gespräch eine baldige Besserung und unterstreichen Sie die Wichtigkeit, die Hoffnung nicht zu verlieren. Auch wenn es der Betroffene nicht erkennt, es gibt immer Behandlungsmöglichkeiten und die Chance auf ein erfülltes Leben.

Fragen Sie auch Freunde und Familie um Mithilfe bei der Bewältigung der Krise.

Sollten Sie aber das Gefühl haben, dass ein Selbstmordversuch unmittelbar bevorstehen könnte sind sofortige Hilfsmaßnahmen notwendig. Lassen Sie den Betroffenen während der kritischen Phase nicht alleine und kontaktieren Sie einen Arzt oder Notdienst. Auch wenn Ihnen versichert wird, dass dies „nicht notwendig“ wäre sollten sie auf ihr Gefühl vertrauen. Es ist besser einmal zu viel anzurufen, als einmal zu wenig.

  • Manfred Wolfersdorf, Springer Verlag: Depressionen verstehen und bewältigen
Redaktionelle Bearbeitung: Benjamin Slezak
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