Alkoholismus erkennen Woran erkennt man einen Alkoholiker

Freund erkennt einen Alkoholiker

Ein Freund, Ihr Kind oder Ihr Partner trinkt regelmäßig? Sind Sie besorgt, es könnte zu viel sein? Womöglich machen Sie sich auch Gedanken über Ihr eigenes Trinkverhalten? Das ist gut, denn eine Alkoholabhängigkeit entwickelt sich langsam und unbemerkt. Dabei wäre es wichtig, schon die ersten Anzeichen richtig zu deuten und rechtzeitig zu helfen.

Benjamin Slezak
Mag.
Benjamin
Slezak
Psychologe
Lesedauer 10 Min.
Thema Alkoholismus
Schwerpunkt Gesundheit

Das Trinken von Alkohol ist für viele normal. Gegen ein Glas Wein oder Bier lässt sich wenig einwenden. Doch auch hier gilt: Die Menge macht das Gift. Während gelegentlicher Alkoholkonsum weitgehend unbedenklich ist, wirken größere Alkoholmengen gesundheitsschädlich.

Es gilt also nicht nur eine Alkoholabhängigkeit rechtzeitig zu erkennen, sondern auch gesundheitsschädliches von risikolosem Trinkverhalten zu unterscheiden.

Problematischer Konsum

Die Frage, wann von einer Gefährdung für die Gesundheit auszugehen ist hängt hauptsächlich von der getrunkenen Alkoholmenge ab. Doch jeder konsumiert unterschiedlich – der eine ein Glas Wein, der andere eine Flasche Bier. Um die verschiedenen Mengen und den unterschiedlichen Alkoholgehalt der Getränke leichter messen zu können geht man von einem sogenannten „Standardglas“ aus:

Ein Standardglas entspricht 20g Alkohol. Das sind etwa:

ein großes Glas Bier (0,5l)
oder
ein ¼ Liter Wein
3 kleine Schnäpse á 2cl (40 vol%)
oder
2 Gläser Sekt

Um nun das Risiko für die Gesundheit abschätzen zu können, gelten folgende Grenzen:

Harmloser Alkoholkonsum

Für Männer gilt ein Konsum von etwas mehr als 8 Standardgläser pro Woche als relativ harmlos. Frauen sollten nicht mehr als 5-6 Standardgläser pro Woche konsumieren.

Allerdings sollte an mindestens zwei bis drei Tagen pro Woche völlig auf Alkohol verzichtet werden.

Riskanter Alkoholkonsum

Als „Gefährdungsgrenze“ für riskanten Alkoholkonsum gelten für Männer etwa 21 Standardgläser pro Woche. Für Frauen liegt der Wert bei 14 Standardgläsern pro Woche.

Hier besteht bereits ein hohes Risiko für akute Probleme und chronische Beschwerden.

Sehr hohes Risiko

Männer, die mehr als 5 Standardgläser pro Tag trinken gehen ein sehr hohes Risiko für ihre Gesundheit ein. Für Frauen gilt ein Wert von 3 Standardgläsern pro Tag.

Früherkennung Alkoholismus

Ein Alkoholiker ist nicht immer leicht zu erkennen
Ein Alkoholiker ist nicht immer so leicht zu erkennen

Einer Alkoholsucht geht in den meisten Fällen eine lange Phase des chronischen Alkoholmissbrauchs voraus. Idealerweise sollte bereits beim ersten Verdacht eines Alkoholproblems mit einer Intervention begonnen werden. Ist das Stadium der Alkoholsucht erst einmal erreicht, wird meistens eine langwierige und mühevolle Entzugsbehandlung notwendig. Dann wäre Abstinenz das einzige Behandlungsziel – kontrolliertes Trinken ist nicht mehr möglich. Für viele der Betroffenen ist dies jedoch keine attraktive Zukunftsperspektive. Die Aussicht, nie wieder trinken zu dürfen, treibt Sie in erfolglose Versuche, ihren Alkoholkonsum „nur“ zu reduzieren und damit immer wieder in den Teufelskreis der Sucht.

Dabei wäre zu einem frühen Zeitpunkt eine Rückkehr in ein normales, soziales Trinkverhalten noch möglich gewesen. Die körperlichen und psychischen Folgen des Konsums hätten dann noch rechtzeitig behandelt werden können. Dem Betroffenen wären bleibende Schäden erspart geblieben.

Eine Früherkennung ist also nur im Sinne des Betroffenen. Auch wenn er oder sie das Problem zu bagatellisieren versucht und den Alkoholmissbrauch womöglich abstreitet – es lohnt sich auf jeden Fall genauer hinzusehen, das Problem anzusprechen und seine Sorgen zu äußern. Zögern Sie auch nicht, eine Beratungsstelle zu kontaktieren um Ihre Bedenken anonym mit einem Experten zu besprechen.

Alkoholismus bei Angehörigen erkennen

Häufig machen sich Freunde und Angehörige von Alkoholkranken Vorwürfe, die Erkrankung nicht früher erkannt zu haben und rechtzeitig geholfen zu haben. Dabei ist es gar nicht so einfach, die ersten Anzeichen richtig zu deuten. Zunächst scheint das Trinkverhalten weitgehend „normal“ – schließlich trinkt ja fast jeder einmal zu viel. Die Betroffenen spielen ihren Alkoholkonsum herunter und betonen, kein Problem zu haben.

Hier ist vor allem eine empathische und wertschätzende Vorgangsweise gefragt. Fragen und Gespräche zum Thema Alkohol sollten in entspannter Atmosphäre und ohne Druck stattfinden. Vermeiden Sie Vorwürfe und verurteilen Sie nicht. Sprechen Sie sachlich und ruhig Ihre Beobachtungen und Sorgen an, Gefühlsausbrüche und Aufregung helfen nicht.

Achten Sie auf eine gute Gesprächsbasis.

Womöglich ist der Betroffene noch nicht bereit, sich seine Abhängigkeit einzugestehen. Veränderungen passieren nicht von heute auf morgen. Auch wenn das erste Gespräch vielleicht nicht so verlaufen ist, wie Sie erhofft haben: Bleiben Sie im Gespräch. Achten Sie auf eine gute Gesprächsbasis. Anstatt eine Antwort herauspressen zu wollen sollten Sie auf eine vertrauensvolle und offene Kommunikation bauen. Nicht alle Fragen werden gleich beim ersten Gespräch geklärt werden können, lassen Sie sich also Zeit.

Doch was sind nun konkrete Hinweise? Welche Verhaltensweisen sollten Sie beachten und womöglich ansprechen?

  • Kontrollverlust
    Der Betroffene kann seinen Alkoholkonsum kaum noch steuern. Obwohl man eigentlich aufhören sollte, wird weitergetrunken. Dies geschieht auch gegen die eigene Vernunft, etwa wenn man sich dann betrunken ans Steuer setzt.
  • Gewohnheit
    Es wird aus reiner Gewohnheit, ohne speziellen Anlass getrunken – z.B. alleine daheim.
  • Psychische Abhängigkeit
    Das Trinken wird zu einer Notwendigkeit. Man will und kann nicht mehr auf Alkohol verzichten. Einige Wochen ohne Trinken auszukommen ist nicht mehr möglich.
  • Dosissteigerung
    Die Menge des konsumierten Alkohols steigert sich stetig. Dies kann sich auch über einige Jahre hinziehen – man wird trinkfest, benötigt immer mehr um dieselbe Wirkung zu erzielen.
  • Entzugserscheinungen
    Stellen sich bei fortgeschrittener Alkoholsucht ein. Beispiele wären etwa Zittern, Übelkeit oder starkes Schwitzen. Eine vollständige Liste finden Sie hier.

Alkoholismus bei Kindern erkennen

Früher oder später machen Kinder Erfahrungen mit Alkohol. Wird der Alkoholkonsum am Wochenende jedoch zur Gewohnheit, machen sich viele Eltern Sorgen um eine mögliche Abhängigkeit. Dabei unterscheidet sich süchtiges Verhalten von Jugendlichen nicht übermäßig von Erwachsenen. Die Hinweise für Alkoholmissbrauch und die Warnzeichen für eine entstehende Alkoholsucht sind weitgehend dieselben.

Das Ausloten der eigenen Grenzen ist Teil der Entwicklung. Da kann es schon einmal vorkommen, dass Jugendliche über die Stränge schlagen. Man muss dieses Ausprobieren nicht unbedingt gut heißen, es sollte aber auch nicht zu einem Problem aufgeschaukelt werden. In den meisten Fällen handelt es sich um eine Phase des Experimentierens und legt sich nach einer Weile wieder.

Entwickelt sich das Trinkverhalten jedoch in Richtung eines Alkoholmissbrauchs ist Vorsicht geboten. Achten Sie auf plötzlich auftretende Probleme in der Schule oder Ausbildung. Hat sich der Freundeskreis abrupt geändert? Werden frühere Freizeitaktivitäten und Hobbys vernachlässigt?

Sollten Sie tatsächlich eine besorgniserregende Entwicklung feststellen, gilt es Ruhe zu bewahren und nicht in Angst zu verfallen. Verzichten Sie auf Vorwürfe und Bestrafungen. Informieren Sie sich und suchen Sie professionelle Hilfe auf, etwa bei einer Beratungsstelle.

Als verantwortungsvoller Elternteil können Sie einige Punkte beachten, um Ihr Kind zu unterstützen:

  • Eigenes Wissen erweitern
    Sich über das Thema Alkoholismus und Sucht zu informieren gibt Sicherheit im Gespräch mit den Kindern. Es hilft, Fragen adäquat beantworten zu können – schließlich sollen sich die Kinder direkt an Sie wenden können.
  • Sachliche Gespräche führen
    Bleiben Sie sachlich und führen Sie klare Argumente an. Bestrafungen helfen nicht und verhindern eine vertrauensvolle und solide Gesprächsbasis.
  • Interesse zeigen
    Zeigen Sie Interesse an den Aktivitäten Ihres Kindes. Alkoholkonsum findet häufig am Wochenende z.B. mit Freunden oder Kollegen statt. Wer sich für das Umfeld, Freunde und Bekannte seines Kindes interessiert, erkennt problematische Entwicklungen früher – auch ohne Nachfragen zu müssen.
  • Fähigkeiten fördern
    Unterstützen Sie ihr Kind in der Freizeitgestaltung und ermöglichen Sie ihm Hobbys und Freizeitaktivitäten. Sie helfen ihm dadurch nicht nur sein Potential zu entfalten, sondern beugen auch Suchterkrankungen vor.
  • Verantwortung übertragen
    Überlassen Sie Ihrem Kind genügend Eigenverantwortung. Es muss seine eigenen Erfahrungen sammeln und einen verantwortungsvollen Umgang mit seiner Umwelt lernen. Akzeptieren Sie die Entscheidungen ihres Kindes – dies fördert das Vertrauen auf beiden Seiten.
  • Selbstkritik
    Gehen Sie mit gutem Beispiel voran. Achten Sie daher auf Ihren eigenen Alkoholkonsum. Was Sie ihrem Kind vorleben, wird auch sein Verhalten bestimmen. Klar, niemand ist fehlerfrei. Zeigen Sie daher auch Selbstkritik. Machen Sie es deutlich, wenn Sie sich nicht korrekt verhalten haben. So können Sie Wiedersprüche vermeiden und glaubwürdig bleiben – etwa wenn Sie Alkoholkonsum kritisieren und dann womöglich einmal selber zu viel trinken.

Alkoholismus bei sich selbst erkennen

Wenn Sie sich Gedanken über Ihr eigenes Trinkverhalten machen fällt es leicht, den Konsum einzuschätzen. Schließlich kennen Sie Ihre Trinkgewohnheiten besser als jeder andere – man muss sich selbst gegenüber nur ehrlich sein.

Sie können Ihr persönliches Risiko ganz einfach mit einem Selbsttest feststellen. Hier geht es zum Selbsttest:

Selbsttest Alkoholismus

Hinweise und Anzeichen für Alkoholismus

Es ist gar nicht so leicht, Hinweise für Alkoholismus zu erkennen. Einzelne Veränderungen können auch weitgehend normal sein – erst das gehäufte Auftreten kann ein Anzeichen für eine Alkoholabhängigkeit sein. Es muss betont werden, dass es sich auch nur dann um Hinweise handelt, ein „Beweis“ ist nicht möglich.

Gerade wenn man persönlich betroffen ist, kann die eigene Wahrnehmung verzerrt sein. Bemühen Sie sich um Objektivität und vermeiden Sie, Ihre Beobachtungen als „Nachweise“ einer Alkoholsucht zu präsentieren. Die Früherkennung dient nicht zur „Aufdeckung“ oder „Bloßstellung“ sondern soll eine frühe, adäquate Hilfe ermöglichen.

Hinweise ergeben sich aus körperlichen Symptomen und Verhaltensauffälligkeiten:

Körperliche Hinweise

  • Mundgeruch („Fahne“, lat. „Foetor Alcoholicus“). Häufig wird versucht, die Fahne durch Kaugummis zu kaschieren
  • Übelkeit oder Erbrechen am Morgen
  • Aufgedunsenes Gesicht, Gesichtsröte, die Äderchen an den Wangen und Nasenflügeln sind erweitert
  • Erhöhte Neigung zu Schwitzen
  • Herzklopfen und Bluthochdruck
  • Appetitlosigkeit
  • Gewichtsverlust und Unterernährung
  • Gealtertes Aussehen
  • Bierbauch (im Kontrast zu eher dünnen Beinen)
  • Hautveränderungen, z.B. Leberhautzeichen (Spider naevi)
  • Zittern

Verhaltensauffälligkeiten

  • Schlafstörungen
  • Gesteigerte Reizbarkeit und Aggressivität
  • Verringerte Impulskontrolle und Frustrationstoleranz
  • Jovialität und Distanzlosigkeit
  • Depressionen
  • Angst
  • Vernachlässigtes körperliches Erscheinungsbild
  • Neigt zu Bagatellisierung
  • Sexuelle Probleme und Potenzstörungen
  • Probleme in der Beziehung, Familie oder Ehe
  • Schwierigkeiten am Arbeitsplatz und häufige Krankenstände
  • Alkoholbedingte Delikte im Straßenverkehr, Führerscheinverlust
  • Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit
  • Kurze, wiederholte Krankenstände vor und nach dem Wochenende. Die Meldung wird öfters von einer dritten Person (z.B. Partner) gemacht
  • Häufige Missgeschicke und kleinere Unfälle
  • Schwankendes Leistungs- und Durchhaltevermögen
  • Vergesslichkeit
  • ÖÄZ: 6, 25.März 2012 State of the art – Alkoholabhängigkeit
    (Online, letzer Zugriff am )
  • Alkohol ohne Schatten: Basisinformationen
    (Online, letzer Zugriff am )

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